Muskelkrämpfe (Crampi) sind ein häufiges, jedoch unspezifisches Frühsymptom der ALS. Begünstigende Faktoren sind starke körperliche Anstrengungen, Kälte, Schlafentzug, Alkohol, Nikotin, Wasser- und Elektrolytmangel. Krämpfe treten jedoch auch spontan auf. Sie stellen eine unspezifische Reaktion des Muskels und spinalen Reflexbogens auf verschiedene Reize dar. Als Ursache wird eine Übererregbarkeit terminaler Axonendigungen angenommen. Prophylaktisch wirken regelmäßiges körperliches Training und gymnastische Übungen sowie Verhinderung einer venösen Stauung durch Hochlagern der Beine. Die Akuttherapie besteht in passiver Dehnung des betroffenen Muskels oder Wärmeapplikation. Bei Persistenz empfiehlt sich eine medikamentöse Therapie mit Chinin (z.B. Limptar®), Magnesium sowie membranstabilisierenden Medikamenten einschließlich Phenytoin (z.B. Phenhydan®), Carb^amazepin (z.B. Tegretal®) oder niedrig dosierten Antispastika wie Tizanidin (z.B. Sirdalud®) und Baclofen (z.B. Lioresal®).

In einer Publikation der amerikanischen Akademie für Neurologie (AAN) in der Zeitschrift „Neurology“ wurde im Februar 2010 eine systematische Analyse der Pharmakotherapie gegen Muskelkrämpfe publiziert. Die Studie stellt eine Zwischenanalyse von mehr als 500 Medikamententestungen verschiedenster Substanzen und bei zahlreichen neurologischen Erkrankungen dar. Hintergrund der Übersichtsanalyse (Meta-Analyse) ist die Tatsache, dass sehr unterschiedliche und individuelle Therapieversuche von Neurologen und anderen Ärzten unternommen werden, ohne dass ein Konsens zur Wirksamkeit der verschiedenen Medikamente besteht. Im Ergebnis der Meta-Analyse zeigt sich, dass tatsächlich nur wenige Therapieoptionen eine studienbasierte Wirksamkeit aufweisen. Das Medikament mit der größten Beweislage mit Vorliegen von zwei placebokontrollierten Studien ist Chininsulfat, das in Deutschland unter dem Handelsnamen Limptar N zur Verfügung steht. Dieses Medikament ist bereits in breiter Anwendung und stellt damit keine Innovation dar. Problematisch ist die fehlende Zulassung der Substanz als verordnungs- und rezeptfähiges Medikament, so dass in jedem Fall eine private Kostenübernahme durch den Patienten erforderlich ist. Das Medikament wird mit einer Dosis von 200 mg zweimal pro Tag eingenommen, so dass sich Monatstherapiekosten von ca. 32€ ergeben. 
Limptar N ist ohne Rezept in Apotheken erhältlich. Die Meta-Analyse erbrachte weiterhin Hinweise auf eine mögliche therapeutische Wirksamkeit des Medikamentes Naftidrofuryl, das ursprünglich eine Zulassung zur Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) erhielt. In verschiedenen Medikamententestungen zeigte sich jedoch auch eine positive Beeinflussung von schmerzhaften Muskelkrämpfen. Das Medikament ist bisher in der ALS-Behandlung in Deutschland wenig in Gebrauch, jedoch von verschiedenen Herstellern im Vertrieb (z.B. Nafti-ratiopharm, 200 mg). Eine geeignete Dosis ist die Behandlung mit Retardtabletten Naftidrofuryl 3 mal pro Tag. Dieses Medikament ist ebenfalls nicht zur Behandlung von Muskelkrämpfen zugelassen, jedoch auf Privatrezept mit einer patientenseitigen Kostenübernahme erhältlich (etwa 30€ pro Monat). 
Einschränkend ist festzustellen, dass die bisherigen Studien zu Naftidrofuryl nur geringe Patientenzahlen (< 50 Patienten) beinhalteten, so dass die statistische Sicherheit bei dieser Therapieoption noch relativ gering ist. Weitere kleinere Studien konnten eine potentielle Wirksamkeit des etablierten Hypertonie-Medikamentes Diltiazem sowie des Antiepileptikums Levetiracetam aufweisen. Aufgrund der potentiellen unerwünschten Arzneimittelwirkungen von Diltiazem und der hohen Kosten von Levetiracetam (334€ auf Privatrezept) stehen diese beiden Therapieoptionen nur in Ausnahmefällen zur Verfügung. Ein interessantes Ergebnis der Meta-Analyse sind die fehlenden Wirksamkeitsnachweise für die Behandlung mit Magnesium, die bisher zum Therapiestandard gehörte. Aufgrund der geringen Kosten und des unproblematischen Nebenwirkungsprofils ist ein Therapieversuch mit Magnesium zum gegenwärtigen Zeitpunkt dennoch gerechtfertigt. Andere Medikamente mit guten theoretischen Grundlagen für eine potentielle Wirksamkeit gegen Muskelkrämpfe einschließlich Carbamazepin, Phenytoin und Baclofen sind bisher leider nicht durch kontrollierte Studien untersucht worden. Vor diesem Hintergrund ist die Behandlung mit diesen Medikamenten als unsicher einzustufen.

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